Der Berg der Kreuze in Litauen

Katholischer Wallfahrtsort in Schaulen (Kryžių kalnas)

Mitten im litauischen Nirgendwo erhebt sich ein kleiner Hügel. Eigentlich nicht sonderlich erwähnenswert, würde dieser Hügel nicht abertausende kleine und große Kreuze tragen. Durch diese Tatsache wurde der Hügel in der Überlieferung schnell zu einem Berg – dem Berg der Kreuze. Dieser ist einer der bekanntesten und am meisten besuchten Wallfahrtsorte des Baltikums. Mit der Kamera im Schlepptau machten wir uns also zu einer besonderen Reise auf und kehrten nicht nur mit Fotos, sondern auch mit einer schönen Erinnerung zurück.
Je nachdem, welcher Legende man Glauben schenken möchte, ist das erste Kreuz auf dem Hügel entweder von dem Vater einer auf wundersamer Weise genesenen Tochter oder von einem Fürsten, der gerade den Prozess gegen einen anderen Fürsten gewonnen hatte, errichtet worden. Nach zwei blutig niedergeschlagenen Aufständen gegen die russische Obrigkeit stellten Litauer und Polen nach der Dritten Polnischen Teilung erstmals Kreuze an dem Hügel auf. Sie gedachten ihrer getöteten Angehörigen, von denen sie nicht wussten, wo diese begraben sind.


Heute pilgern Touristen und Katholiken aus der ganzen Welt an den Berg der Kreuze. Über 100.000 Kruzifixe und andere religiöse Symbole wurden zwischenzeitlich gezählt. Selbst Papst Johannes Paul II. besuchte den Berg der Kreuze 1993 und hielt vor etwa 100.000 Anwesenden eine Messe. Der Berg der Kreuze ist aber alles andere als überlaufen. Nur wenige Besucher passieren still und in sich gekehrt die engen Wege und Gassen, so dass für Fotoaufnahmen ausreichend Zeit und Platz ist.
Religiösen und spirituellen Orten wohnt immer ein ganz spezieller Charakter inne. Diesen angemessen einzufangen ist eine nicht alltägliche Herausforderung. Bei blauem Himmel spielten die Lichtverhältnisse zum Glück mit und der Blick auf die Kreuze war ungetrübt. Durch die Weitwinkeloptik wirken die Ausmaße des Areals gleich viel mächtiger und auch der Betrachter bekommt einen Eindruck von dem Wald aus Kruzifixen und anderen religiösen Symbolen. Die Kreuze reihen sich so dicht aneinander auf, dass sie teilweise schon ein bedrückendes Gefühl hervorrufen.
Auch bei dem Besuch des Ortes und beim Schlendern entlang der Kreuze blieb der Blick immer wieder für einige Zeit an bestimmten Objekten haften, die aus der Masse herausstachen. Die teilweise selbst geschnitzten zeigen detailreiche Figuren und Verzierungen, sind also künstlerische und handwerkliche Höchstleistungen. An den Kreuzen hängt wiederum teurer Schmuck, der hier als Glücksbringer hinterlassen wurde und seit Jahren oder Jahrzehnten strahlend in der Sonne schaukelt.

Auch bei Nacht ist der Berg der Kreuze eine attraktive Sehenswürdigkeit für Fotografen. Während der Hügel und die Landschaft drum herum langsam in der litauischen Dunkelheit verschwinden, erleuchten einige Lampen die Kreuze und Statuen von unten wie wir es auch bei Kirchtürmen gewohnt sind. Vor dem dunkelblauen Himmel türmen sich die Kreuze so als Silhouette auf. Im Vordergrund strahlt im Scheinwerferlicht der ans Kreuz genagelte Jesus.
Der Berg der Kreuze ist ein lebendiges Stück litauischer Geschichte. An kaum einem Ort sonst sind die bewegte Vergangenheit der Nation und der christliche Glaube so spürbar wie hier. Die Kruzifixe befinden sich hier zum Teil schon seit Jahren und Jahrzehnten und sind somit reale Überlieferungen aus einer anderen Epoche.

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