Ödipus an der Schaubühne: Moderne Inszenierung mit altem Dilemma

Maja Zade schrieb die Tragödie von Sophokles für die Gegenwart um. Thomas Ostermeier führt die Theaterregie. Geholfen hat das der ursprünglichen Geschichte wenig. Die Dialoge und dramaturgischen Elemente wirken – trotz hervorragenden schauspielerischen Leistungen – unglaubwürdiger als das Original. Und darin gab es Sphinx und Orakel.

Manchmal ist weniger mehr. So kommt das Szenenbild für das Stück „ödipus“ an der Schaubühne minimalistisch daher: Leuchtröhren stehen für die Raumbegrenzung in einer Ferienwohnung in Griechenland. In der Mitte der Bühne glänzt eine moderne Küchentheke, um die herum die wenigen Protagonisten agieren. Aber schafft der Inhalt der Geschichte ebenso den Sprung in die Gegenwart?
Eigentlich möchte „ödipus“ ein eigenständiges Werk sein, das nichts mit Sophokles zu tun hat. Da es aber darauf beruht, vergleicht man als Zuschauer unweigerlich doch.

Maja Zade hat das Drehbuch der neuen Version zur ursprünglichen Tragödie geschrieben und allerlei Probleme der heutigen Gesellschaft hineingesetzt, die vielleicht nicht alle für eine funktionierende Geschichte nötig wären. So wird nicht nur ein Neugeborenes durch eine Freundin in eine Babyklappe gelegt und es spielen sich Machtintrigen ab, sondern zum herbeigeführten Tod des Vaters von Michael (so lautet hier Ödipus‘ Name, Schauspieler ist Renato Schuch) kommt noch eine Umweltkatastrophe hinzu.
Ob es Letztere für einen guten Spannungsbogen gebraucht hätte, ist fraglich.

Das Stück spielt, im Gegensatz zur originalen Tragödie, an einem einzigen Tag, einem einzigen Ort und hat nur wenige Charaktere. Iokaste heißt hier „Christina“ (gespielt von Caroline Peters), ihr Bruder „Robert“ (Christian Tschirner), die Freundin „Theresa“ (Isabelle Redfern) und gesprochen wird über den mysteriösen Tod des Mannes und Vaters „Wolfgang“.
Die Hintergrundgeschichte ist geblieben: Eine Mutter übergibt ihr Baby an jemanden, damit diese Person den Säugling los wird. Doch das Kind wächst heran und beginnt im Erwachsenenalter eine Liaison mit seiner Mutter, ohne dass einer der beiden von der Verwandtschaft weiß.
Die Moralfrage scheint sich nun aber weniger um dieses Verhältnis zu drehen als darum, wie ein Unternehmen ethisch geführt werden kann. Die ältere Generation möchte einen Chemieunfall und Mord vertuschen, die junge möchte ihn aufklären. Dem Zuschauer versucht „ödipus“ zu vermitteln, dass der Mensch die Umwelt zerstört und es einigen nur um die eigene Karriere geht. Ein Wissen, das manche im Publikum wohl bereits besitzen dürften.

So ist das Interessante an dieser Inszenierung das Machtgerangel zwischen den Figuren, das die Schauspieler vermitteln. Der umweltbewusste Michael ist verantwortlich für jenen Lkw-Unfall, bei dem Christinas verhasster Ehemann Wolfgang ums Leben kam. Christina übernahm nach dem Unfall Wolfgangs Chemiefirma. Aus dem verunglückten Lastwagen traten Giftstoffe aus, die das Grundwasser verseuchen, bei Kindern zu Atemproblemen und zu einer erhöhten Krebsrate in der Umgebung führen.
Michael möchte Transparenz, Christina nicht. Und ihr Bruder möchte den Mord aufklären.
Manche Dialoge wären besser zu erklären, wenn es in diesem Stück Götter gebe. Es gibt sie aber nicht und so müssen die Figuren um plausible Erklärungen ringen.
Ob das gelingt, ist Ende Januar an der Schaubühne zu sehen.

Alle auf dieser Internetpräsenz verwendeten Texte, Fotos, Videos und grafischen Gestaltungen sind urheberrechtlich geschützt. Eine Verwendung ohne ausdrückliche Einverständniserklärung des Rechteinhabers ist untersagt.